Upgrading: Neues Design aus altem Material.

In Interior Design by admin

Da wird Pappe zum Diamanten geschliffen, eine Lampe geflochten, Beton mobilisiert, Wolle gefaltet und Keramik stabilisiert. Designer beweisen, dass man das Rad nicht immer neu erfinden muss, um nachhaltig zu handeln. Manchmal reicht es, Materialien und Formen neu zu interpretieren.

Junge Designer wollen die Welt verändern. Ihre Ideen und Entwürfe drehen sich dabei immer öfter um ökologische Fragestellungen und Lösungsansätze für die Zukunft. Das war auch an den Ergebnissen des diesjährigen Pure Talents Contest auf der imm cologne abzulesen. Dabei standen auch wieder traditionelle, natürliche Materialien im Fokus. Von den Designern in einen neuen Zusammenhang gebracht, wirken Keramik und Beton, Rattan oder Filz dank des Upgrades auf einmal gar nicht mehr so angestaubt wie vermutet.

Offensichtlich hat die neue Designergeneration schnell erkannt, dass mit der Aufgabe, neue Produkte zu entwerfen, auch die ökologische Verantwortung wächst. Das Recyceln, Wiederwenden und Neu-Arrangieren von Produkten unserer Konsumgesellschaft ist eine mögliche Antwort, mit der immer mehr junge Designer ihrer Arbeit eine ökologische Sinnhaftigkeit verleihen wollen. Eine ganz ähnliche Richtung nehmen Designer, die sich mit herkömmlichen Materialien beschäftigen, um sie in einen neuen Zusammenhang zu setzen. Bei einem solchen „Upgrading“ können auch auf Basis natürlicher und altbewährter Materialien innovative Produkte entstehen.

Die Deutsche Luisa Kahlfeldt (www.luisakahlfeldt.com) zum Beispiel hat sich in ihrem Designstudium lange mit Pappe beschäftigt und nach Möglichkeiten gesucht, die alltägliche Qualität des Materials zu manipulieren und die Materialsprache visuell zu erweitern. Und tatsächlich enthüllt ihr Cardboard Stool überraschend sinnliche Qualitäten des Materials. „Jeder Stuhl entsteht durch das Rollen von Wellpappe in längliche Zylinder. Das Abschleifen der Kanten offenbart nicht nur die einzelnen Farbschichten, sondern auch die wellenartige Struktur des Materials“ erläuterte die Berlinerin auf der imm cologne 2016 ihren Versuch, ein eigentlich banales Material aufzuwerten. Dieser Prozess bringt eine innewohnende Ästhetik des Materials zum Vorschein, die normalerweise nicht sichtbar ist.

Der kolumbianische Designer Juan Cappa (www.juancappa.com) wiederum experimentierte lange mit Materialien, die normalerweise für die Herstellung von Körben verwendet werden. Dabei standen für ihn die traditionellen Formen, Herstellungsmethoden und Nutzungsweisen im Mittelpunkt. Das Ergebnis: die Leuchtenserie Basketlamp. Wie bei traditionellen Körben wiederholen sich in den Schirmen die Strukturen zu reizvollen Mustern. Die Basketlamp-Leuchten eignen sich für den Einsatz auf dem Tisch, im Flur oder an der Decke; zum Anfassen bzw. Aufhängen dient ein Griff. Jede Basketlamp lässt sich flach verpacken und dank ihrer runden Webstruktur und der oberen Spitze auch rasch zusammenbauen.

Oft erfahren traditionelle Materialien wie Keramik mit der Verwendung durch junge Kreative eine neue Entwicklung. Produkte wie die „Solid Spin Lamps Collection“ verändern unsere Wahrnehmung dieses Materials nachhaltig. Während nämlich der Produkttyp auf den ersten Blick emailliertes Blech erwarten lässt, erinnern die Formelemente und die Materialanmutung bei genauerem Hinsehen doch eher an etwas Kräftigeres. Die Kollektion der estländischen Designerin Johanna Tammsalu (www.tammadesign.com) entstand durch eine Reihe von Experimenten, die sie mit alltäglichen Gegenständen wie Schuhen, Gläsern, Schlüsseln etc. anstellte. „Ich war fasziniert von der Stärke stabiler Formen und beschloss, eine neue Substanz zu suchen, indem ich Objekte um ihre eigene Achse gedreht habe. Ich habe sie gruppenweise getestet, wobei sie aufeinanderlagen. Dadurch ergaben sich unendlich viele Möglichkeiten für revolutionäre Formen mit beruhigenden äußeren Merkmalen und einem einzigartigen individuellen Charakter.“

Im Vergleich dazu geradezu unsolide wirken die amorphen Poufs von Jule Waibel. Tatsächlich liegen gefaltete Strukturen derzeit ja voll im Trend. Doch die Stuttgarter Designerin (www.julewaibel.com) nutzt nicht nur die Ästhetik, sondern auch die Flexibilität der Faltstrukturen, um ein durch und durch zeitgemäßes Möbel zu schaffen: Unfolded Cones, eine Serie von gefalteten Sitzen. Dabei verwendet sie ein uraltes Material – reinen Woll-Filz, der durch Hitzedampf in seine dreidimensionale Form gebracht wurde. Eine Form, die sich dank der Faltstruktur jeder Sitzposition anpasst.

Eine Art Register verschiedener klassischer Materialien schafft der niederländische Designer Emiel Remmelts (www.emielremmelts.nl) mit seinen Regalen. Deren Böden werden nämlich auf einer Seite ausschließlich von Betonblöcken, Ziegelsteinen, einer Glasvase und Zeitschriftensammlern gehalten. Dabei hat sich Remmelts auch von dem russischen Architekten, Künstler und Gestalter El Lissitzky inspirieren lassen. Die in den Regalen ausgestellten Objekte schaffen eine dynamische Komposition, die nach dem Collageprinzip erstellt wird. Jede Kreation ist einzigartig und verleiht dem Regal eine individuelle Ästhetik.

Auch das klassische Material Beton wird im zeitgenössischen Interior Design gerne verwendet. Unter den gestaltenden Händen der Designerin Katharina Eisenköck (www.katharinaeisenkoeck.com) wirkt das schwere Material auf einmal überraschend leicht. Eisenköck greift gerne auf alte Handwerkstechniken zurück, um Materialien zu modifizieren und für ihre Lampen neu zu definieren. Bei Nomadic Light strahlt warm-weißes LED-Licht von einem Leichtbetonsockel, um den ein an Steigbügel erinnernder Lederriemen gezogen wurde – und schon wird das massive Objekt transportabel. Die Verschmelzung der Materialien mit der Induktions-Transfertechnologie macht Nomadic Light zu einer multifunktionalen Leuchte und einem flexiblen Begleiter im 21. Jahrhundert.

Wie gut, dass junge Designer immer wieder mit einem unvoreingenommenen Blick das Alte neu bewerten. Diese Beispiele zeigen, dass daraus nicht nur kritische, sondern auch intelligente und produktive Auseinandersetzung mit dem Design-Erbe entstehen kann. Viel Spielraum also für nachrückende Designergenerationen…