Wohnen mit Flaschen und Fischernetzen

In Interior Design by admin

Recycling gilt als einer der Schlüsselfaktoren für nachhaltiges Wirtschaften – auch im Einrichtungsbereich. Hier gibt es eine ganze Reihe von Pionieren, die mit Idealismus und Gespür für die Zukunftsmärkte innovative Produkte mit recycelten Komponenten herstellen. Zum Beispiel aus PET-Flaschen und alten Fischernetzen.

Upcycling liegt voll im Trend, und im Interior Design ist Nachhaltigkeit so angesagt wie nie. Dabei geht es schon lange nicht mehr nur um Naturlatex und Flohmarkt-Romantik. Im Gegenteil: Vor allem im Objektbereich und bei öffentlichen Baumaßnahmen ist heute neben „grünem Bauen“ auch „grünes Einrichten“ ein entscheidender Wettbewerbsfaktor. Findige Unternehmen spezialisieren sich auf diese Nische und können heute mit ausgereiften Technologien und konkurrenzfähigen Produkten überzeugen.

Es klingt widersprüchlich – aber zu den natürlichen Ressourcen gehören auch die Kunststoffe. Deren Ausgangsstoff, das Erdöl, ist zudem ein knappes Gut. Kunststoff-Recycling hat also gleich zwei Vorteile: Es reduziert nicht nur Müllberge und Umweltverschmutzung, sondern schont außerdem die begrenzten Erdöl-Ressourcen.

Was geschieht zum Beispiel mit den PET-Getränkeflaschen, die an den Sammelstellen im Supermarkt so nervenaufreibend zerquetscht werden? Neue Flaschen, T-Shirts, Fleecepullis … und nun eben auch Sitzbezüge und Einrichtungsstoffe. So verwendet der badische Objektmöbelhersteller Brunner für viele seiner Produkte einen Bezugsstoff aus 100 Prozent recyceltem Polyester.

Zuvor werden die Flaschen aus Polyethylenterephthalat gehackt, gemahlen, geschmolzen und dann mit einem flammhemmenden Zusatz zu einem schwer entflammbaren Polyestergarn verarbeitet. Der neue Stoff heißt Revive und wird von dem renommierten dänischen Textilhersteller kvadrat hergestellt. Von weitem wirkt der neue Bezugsstoff einfarbig; erst aus der Nähe erkennt man ein fein strukturiertes Muster, entworfen von der britischen Designerin Georgina Wright. Auch der Freischwinger ray (Design: jehs+laub), erstmals auf der Orgatec 2014 in Köln vorgestellt und jüngst mit dem Red Dot Award ausgezeichnet, ist seit diesem Jahr mit dem Bezugststoff aus recycelten Plastikflaschen erhältlich.

Smarte Spezialtextilien spielen aber auch im wohnlichen Interior Design eine Rolle. So bietet etwa der langjährige Pure Textile-Aussteller Christian Fischbacher mit seiner Kollektion Benu PET bereits seit 2009 einen Stoff an, dessen Garn ebenfalls aus recycelten PET-Flaschen gewonnen und mit einem flammhemmenden Zusatz zu Polyestergarn versponnen wird. Eine zusätzliche Nano-Ausrüstung sorgt für eine hydrophobe Oberfläche, von der Flüssigkeiten wie Wasser oder Wein abperlen, ohne in den Stoff einzudringen. Laut Christian Fischbacher werden bis zu siebzehn 500-ml-PET Flaschen verwertet, um einen Meter dieser nachhaltigen Stoffe zu weben. Auch 2017 werden von der Plattform führender Stoff-Editeure Pure Textile auf der internationalen Einrichtungsmesse imm cologne wieder neue Impulse erwartet.

Doch nicht nur bei Sitzbezügen und anderen dekorativen Heimtextilien spielen recycelte Stoffe eine wichtige Rolle. Bei der Teppich-Herstellung schaffen einige Pioniere mit recycelten Kunststoffen sogar noch einen entscheidenden Schritt in Richtung Cradle-to-Cradle. Idealerweise sollen dabei Produkte „von der Wiege bis zur Wiege“ in eine Kreislaufwirtschaft zurückgeführt werden. Dazu werden sie nach Abnutzung wieder zurückgenommen und dienen als Ausgangsstoff für neue Prozesse. Abfall soll damit weitgehend abgeschafft werden.

Ein konkretes Beispiel hierfür ist eine Technologie, bei der alte, aus gebrauchten Teppichböden recycelte Polyamid-6-Garne – landläufig Nylon genannt – zu einem neuen Material verarbeitet werden. Ebenfalls wiederverwendet werden dazu alte Fischernetze. Nachdem die Netze gereinigt, in Teile zerlegt, sortiert und in kleine Pellets zermalmt wurden, werden sie in dieser Fabrik schließlich zu Textilfäden, die zu Econyl-Garn weiterverarbeitet werden. Auch gut: Bei der Produktion werden inzwischen mehr Abfälle verbraucht als erzeugt.

Viele der recycelten Netze werden dabei aufwändig von Tauchern aus dem Meer geborgen. Denn dort richten sie oft großen Schaden an. Mehr als 300.000 Robben, Delfine, Wale und Meeresschildkröten sterben jährlich qualvoll in herrenlos herumtreibenden Netzen – so die Schätzung der Initiative „Healthy Seas“, einer Initiative der Textilindustrie (unter anderem dem Econyl-Hersteller Aquafil) und der ECNC Group, einer niederländischen NGO.

Mittlerweile ist das recycelte Polyamid-6-Material in Form hochwertiger Teppichfliesen von mehreren Herstellern erhältlich, etwa von den niederländischen Unternehmen Interface und Desso, die ihre neuen Produkte auf der orgatec 2017 in Köln (25.-29. Oktober) präsentieren werden. Denn in modernen Arbeitswelten sind smarte Lösungen gefragt – nicht nur bei der Organisation der Arbeit, sondern auch bei der verantwortungsbewussten Ausgestaltung der Arbeitsumwelt.