Im Gespräch mit neuem Haus-Designer Todd Bracher

In Interior Design by admin

Eine kantige, geometrische Architektur mit einem über zwei Kuben schwebenden Dach – das ist Todd Brachers Interpretation des Kölner Design-Events „Das Haus – Interiors on Stage“. Und doch wirkt seine mitten in der Halle 2.2 der internationalen Einrichtungsmesse imm cologne entstehende Vision künftigen Wohnens seltsam verträumt. Wir trafen den sympathischen US-Amerikaner anlässlich der internen Präsentation der ersten Entwürfe für das Top-Event in Köln und lockten dem vielseitigen Designer bei einem Spaziergang am Kölner Rheinufer erste Details zu seinem Konzept heraus.

Was bedeutet ein Projekt wie „Das Haus“ für Sie, Todd?
Es ist eigentlich sehr viel mehr als nur ein Haus oder ein Konzept. Für mich ist es eine Möglichkeit, meinen eigenen Entwurfsprozess und die Möglichkeiten von Design zu überprüfen, ohne mich auf marktgängige Lösungen fokussieren zu müssen. Diese Freiheit ist ja auch eine Art Herausforderung. Das ist das Eine. Der offensichtlich weit interessantere Teil ist der, diesen Pavillon zu gestalten und den Besuchern in diesem Experiment unsere Gedanken nachvollziehbar zu machen. Eine Erinnerung zu gestalten, einen Moment zu schaffen, an den sie sich erinnern können.

Wie sind Sie die Sache angegangen?
Wir haben uns angeschaut, wie die Leute leben. Dabei haben wir als Amerikaner natürlich besonders die westliche Wohnkultur im Blick gehabt, und dabei speziell die amerikanische. Mein Eindruck ist, dass wir langsam aufschließen zu der in Europa immer beliebter werdenden offenen Wohnkultur. In Amerika ist die Tradition der klassischen Raumabfolge mit Blick von der Küche über das Wohnzimmer in einen weitere Raum – und sei es nach draußen – noch sehr lebendig. Aber wie geht es weiter, jetzt, da wir uns von der Idee segmentierter, unabhängiger Räume hin zu einem eher offenen Raum, zu einem offeneren Wohnen bewegt haben? Was kommt als Nächstes, wenn wir diese offene Wohnform weiterverfolgen?

Dabei glauben wir in Europa, mit der Loft-artigen Wohnung einem amerikanischen Vorbild nachzueifern!
Ja, aber das Loft ist eigentlich eine sehr trendorientierte Wohnform, die sozialen Aufstieg signalisieren soll. Also eher eine Wohnsozialisation als eine Wohnkultur. Es gibt sicherlich typisch amerikanische Wohnformen, aber dennoch lässt es sich schwer sagen, was das eigentlich ist. Die Kontraste innerhalb der USA, zwischen Städten wie New York und Oklahoma, zwischen Stadt und Land, sind einfach zu groß, und es gibt eigentlich keine originäre Methodenlehre hierzu, was auch für das Design in Amerika problematisch ist. Es ist schwer zu definieren, was das Zuhause ausmacht. In New York zum Beispiel, wo ich herkomme, gibt es so etwas wie ein Esszimmer gar nicht – dafür ist der Raum zu knapp und zu teuer. Dafür gibt es 1.000 Restaurants direkt vor der Tür. Also lebst du mehr auf der Straße, in der Öffentlichkeit, als zuhause. In anderen Gegenden ist es genau umgekehrt: Die Menschen verlassen ihr Haus so wenig wie möglich und sind dafür ausgesprochen gastlich. Die Infrastruktur formt hier die Wohnkultur.

Was bedeutet das für Ihr Das Haus-Konzept?
Es ist doch so, dass wir – in Europa vielleicht sogar noch mehr als in Amerika – häufig in alten Häusern leben, die in Bezug auf Raumzuschnitt und Ausstattung Bedürfnissen entsprechend geplant wurden, die nicht mehr die unseren sind. Bei Das Haus haben wir uns gefragt, wie ein Zuhause aussehen könnte, das unseren jetzigen kulturellen Bedürfnissen entspricht. Denn, mal ehrlich, was tun wir schon, um unsere Lebensgewohnheiten und unsere Wohnformen den heutigen Anforderungen anzupassen? Nichts. In den Städten entwickeln sich vielleicht deshalb immer wieder Lösungsangebote, um zu kompensieren, was wir eigentlich vermissen, und die Menschen gehen in die Bar, ins Fitness-Studio oder ins Spa.

Sehen Sie in Das Haus einen möglichen Weg, den Menschen andere Lebensweisen aufzuzeigen?

Zum Teil ja. Andererseits ist es ja nur eine Idee, ein Konzept. Es ist kein konkreter Vorschlag, wie man leben sollte, sondern nur eine Einladung, unsere Vorstellung vom Wohnen zu hinterfragen, neu zu denken. Ich hoffe einfach, dass die Besucher mit der Erfahrung nach Hause gehen, dass man auch anders wohnen und leben kann, und dass sie dann zu einer eigenen Entscheidung finden.

Das ist sicherlich die Grundidee des Projekts, das jeder Ihrer Vorgänger auf seine Weise mit Leben gefüllt hat. Aber was macht Ihr Haus besonders?
Die Richtung, in der wir die Zonen verwischen, ist sicherlich ungewöhnlich. Wir haben das Zuhause nicht als physischen Raum aufgefasst, sondern eher als philosophischen oder psychologischen Raum. Bei unserer Haus-Version haben wir all das vermischt, um den physischen Raum als psychologischen Raum erfahrbar zu machen. Das Haus besteht im Grunde nur aus drei Räumen: einer dient der Versorgung bzw. der Ernährung, einer der Erholung und der letzte der Hygiene.

Der größte der drei Räume ist der Versorgung gewidmet. Wird damit die Funktion der Wohnküche aufgewertet?
Mit Versorgung ist nicht nur die Ernährung im Sinne von Kochen und Essen gemeint. Der Gedanke eines von der Bibliothek getrennten Essplatzes scheint mir merkwürdig, denn schließlich dienen sie doch beide der Versorgung mit Nahrung – Nahrung für den Körper und für den Geist. Warum sollten wir für das Konsumieren von Nahrung zwei getrennte Räume haben? Das ist natürlich vor allem eine konzeptionelle Fragestellung über unsere Art zu leben, nach dem Motto: Was wäre, wenn wir die Art und Weise, Wissen und Nahrung aufzunehmen, physisch verbinden? Wir verwischen die Trennlinien und schauen, ob es Sinn macht.

Bei Louise Campbell waren Küche und Tisch Räume für Aktivität, bei Sebastian Herkner Orte der Geselligkeit und Sinnlichkeit. Was passiert im zentralen Raum von Ihrem Haus?
Es geht mehr um Rituale, um das Wohnen mit fast zeremoniellem Charakter. Natürlich sollte Essen etwas Schönes sein. Aber auch die Aufnahme oder der Genuss von Informationen könnte etwas wirklich Schönes sein. Dabei stelle ich mir eine Bibliothek vor, die weniger aus Büchern besteht als aus realen Dingen – also keine Bücher über Vögel, sondern Vögel selbst, um sie anschauen, anfassen und begreifen zu können.

Auch ein sehr sinnlicher Aspekt. Wie könnte das in Ihrem Haus aussehen?
Es geht mir um Berührung, um Realität. Unsere Wohnung ist immer auch eine Art Filter. Wir bestimmen, was wir hinein- und an uns heranlassen. Die Informationen, die wir hier sammeln, haben Einfluss auf Verstand und Körper, auf unsere Bildung, aber auch auf die Seele und den Geist. Es können religiöse Gegenstände sein oder ganz persönliche Dinge, etwas, das man selbst gemacht hat oder Basteleien der Kinder, Geschenke und Erinnerungsstücke, die einen solchen Raum ausmachen. In Das Haus werden solche Dinge genauso präsentiert wie das Essen, denn beides braucht man zum Überleben. Sie lassen uns wachsen und lernen und sind Teil desselben Systems. Sie gehören, intellektuell gesehen, alle auf ein und denselben Tisch.

Dann ist Das Haus für Sie also ein Ort, um mit allen Sinnen aufzunehmen?
Ja, und die Fläche in der Mitte dient dazu, all diese Dinge zu sich zu nehmen und mit ihnen zu interagieren und die Grenzen zwischen ihnen zu verwischen. Essen und Lesen, Kochen und Lernen … das passiert nicht örtlich und zeitlich getrennt, sondern organisch. In Das Haus existiert das alles nebeneinander.

Ist die Versorgungszone auch deshalb nach außen so transparent gestaltet?
Wir wollen die Versorgungsstruktur nicht vom Rest der Welt abschneiden, sondern eine Durchlässigkeit zu den umgebenden Ausstellungen schaffen. Darum umspannen wir die Regal-artige Gebäudestruktur in dieser Zone mit einer Art Haut, einem textilen Gewebe aus Kunstfaser. Die Durchsichtigkeit ersetzt die Fenster, die wir hier nicht haben. Damit bekommen wir nicht nur einen schönen Kontrast zur Erholungszone, sondern fragen auch, was eine Wohnung ausmacht: Ist es wirklich nur reingehen, abschließen und sich von der Außenwelt abschotten?

Aber wenn Sie die Wand an sich hinterfragen, ist es dann überhaupt noch ein Haus?
Das ist bei einem solchen Projekt ja gerade das Schöne, dass man hier darf, was bei einem realen Haus undenkbar wäre. Ich glaube, wir alle mögen die Vorstellung, an einem Ort zu leben, der ein reales Haus sein könnte und gleichzeitig ein Fantasie-Gebäude. Und genau da ist Das Haus: irgendwo dazwischen.

Und das Dach?
Auch das muss hier nicht wirklich wetterfest sein. Hier ist es eher eine selbständige Struktur, die nicht, was sonst die Aufgabe eines Daches ist, als Barriere zum Himmel wahrgenommen werden soll. Es wirkt vielmehr wie eine Haut, die über den Räumen ruht. Wie ein ultraleichtes, weiches Segel, das über dem Haus schwebt, mehr gefühltes Behältnis als starre Struktur.

Der Raum für die Erholung wirkt mit seinen schwarzen Wänden im Vergleich zur Versorgungszone geschlossen, fast hermetisch. Warum?
Ich glaube, man will nicht nur aktiv sein, sondern sich auch mal woanders hinsetzen. Es gibt keine geschlossene Wand zur Versorgungszone; wir haben den Raum für die Erholung einfach nur als große schwarze Box gestaltet, die sich etwas versetzt daran anschließt. Für mich liegt etwas sehr Schönes darin, komplett vom Rest der Welt abgeschnitten zu sein – allein. Um dieses Gefühl zu verstärken, lassen wir einen Mond über den Köpfen der Besucher schweben. Vielleicht gleicht er morgens und tagsüber auch mehr einer Sonne. Damit transportieren wir gleichsam etwas von außen nach innen – ein weicher Ball aus Licht als einzige Lichtquelle, einen Mond, wie man ihn sehen würde, wäre man draußen ganz allein unter dem Nachthimmel, wo es ja auch kein anderes Licht gibt.

Fast zu schade für ein Schlafzimmer, oder?
Wir denken bei einem Ruheraum eigentlich nur an ein Schlafzimmer, aber was wir heute eigentlich brauchen, ist Erholung, nicht nur Schlaf. Was bedeutet das? Wir brauchen einen Platz für Tagträume, einen Ort, an den wir gehen können, um nachzudenken, vielleicht auch um zu meditieren. Aber dafür brauchen wir nicht nur ein Bett, sondern verschiedene Arten von Möbeln. Deshalb werden wir bestimmt ein Dutzend unterschiedliche Möbeltypen integrieren. Da wird es doch erst richtig interessant, wenn Möbel unterschiedliche Arten von Aktivitäten unterstützen und Lösungen anbieten für Bedürfnisse unserer Zeit.

Und die dritte Zone?
Wir wollten die Idee ausprobieren, den Raum für Hygiene, in dem man sich wäscht, nach außen zu legen. Die Vorstellung, draußen in der Natur zu duschen, hat etwas sehr Schönes. Also warum sollte man reingehen, wenn das Wasser doch ein so organisches, natürliches Element ist. Das emotionale Erlebnis erscheint uns draußen weit interessanter, als wenn es in einer ästhetischen, menschengemachten Struktur stattfindet.
Werden wir auch einige persönliche Dinge von Ihnen in Das Haus sehen?
Bestimmt. Ich denke, alles in dem Raum wird für mich eine Bedeutung haben. Das ist für die Besucher natürlich auch interessant, weil sie dadurch eine andere Perspektive kennenlernen. So wie ich es auch toll fände, irgendwo hineinzugehen und die Designwelt eines anderen zu sehen.

Das Gespräch führte Claudia Wanninger (far.consulting).