Auffällig unauffällig: Elegante Home Office Lösungen

In Interior Design by admin

Die Arbeitswelt wird kuschelig – das scheint die Quintessenz der jüngst in Köln veranstalteten Messe orgatec zu sein. Wohnzimmer-Charakter, wohin man schaute. Und was macht das Home Office zuhause, im „echten“ Wohnzimmer? Es verwandelt sich von einem Arbeits- zu einem Esstisch, macht sich hier dünne, schrumpft gar zur Flur-tauglichen Größe zusammen oder dehnt sich dort zur raumbildenden Insel-Lösung aus. Der gute alte Sekretär wird als Vorbild genauso bemüht wie der elegante Damen- oder Herrenschreibtisch – mal klein und leichtfüßig, mal mit Club-Charme versprühendem Spaltleder-Bezug.

Mit anderen Worten: Das Home Office ist kein Nischenprodukt mehr. Kaum ein Design-Hersteller, der auf der internationalen Möbelmesse imm cologne keinen Vorschlag zur Gestaltung eines schicken und praktischen Arbeitsplätzchens aus der Schublade ziehen dürfte. Das Home Office hat eine ganze Reihe von Typologien ausgebildet: von modern bis klassisch, von versteckt bis repräsentativ, von günstig bis klotzig. Da ist garantiert für jeden etwas dabei.

Arbeitsplatz wird zur attraktiven Gestaltungsaufgabe im Interior Design

Welche Lösung zu bevorzugen ist, hängt zuallererst natürlich vom Platzangebot und von der Platzierung in der Wohnung ab. Da gibt es etwa die arbeitsteilige Lösung: zum Abendessen Familien-Esstisch, danach Working Area. Manchmal reicht auch schon das ein auf dem Tisch platzierter Raumtrenner mit schallschluckendem Bezug (z.B. Trunk Desk von Cascando), um bei gleichzeitiger Nutzung des großen Tisches durch mehrere „User“ eine Arbeitsfläche zu markieren und etwas Ruhe hierfür zu reklamieren – ob mit Erfolg, hängt dann vom Rest der Familie ab.

Hersteller wie Richard Lampert merken an der Nachfrage, dass die Ergänzung klassischer Wohnzimmer-Einrichtungen durch dazu passende Schreibtische und unprätentiöse Stühle traditioneller Formgebung einen Nerv der Zeit trifft. Die auch kleinere Lösungen ermöglichende Tischvariante „Eiermann 3“ kommt zudem dem Bedürfnis nach mehr Flexibilität bei der Platzierung entgegen.

Flexibilität war wohl auch das Grundmotiv von Lena Plaschke für den Entwurf eines Verwandlungs-Home Office. Die junge Designerin vereinte mit ihrem Gewinner-Beitrag beim Pure Talents Contest der imm cologne 2016 zwei Funktionen: „Work-Shift“ ist Leucht-Möbel und gleichzeitig Home Office.

Der Sekretär und seine Nachfahren

Ein weit verbreiteter Typ ist auch der kleine, elegante Schreibtisch, der sich konsolenartig an einer freien Stelle der Wand dekorativ in Position setzen lässt. Dank immer kleiner werdender technischer Tools und minimalem Kabelsalat können hier immer schmalere Dimensionen inklusive verdeckter Anschlussbuchsen und Kabelfächer angeboten werden.

Schon fast puristisch mutet da der elegante Home Desk von George Nelson an, der 1958 das erste Mal produziert wurde und heute von Vitra aufgelegt ist. Understatement pur zeigen schlichte Wandkonsolen-Lösungen, die schon als bloßes Regalfach daherkommen können, in dem der Laptop sein eigenes kleines Plätzchen gegen die Handy-Ladestation verteidigt. Etwas elaborierter sind Modelle, die sich klappen, kippen, schieben oder sonstwie verwandeln lassen. Hier gibt es wahre Künstler der Raumnutzung, die aussehen, als müsse ihr Inneres neben der schon fast obligatorischen Steckerleiste noch irgendein Geheimfach verbergen.

Damit sind wir auch schon beim guten alten Sekretär angekommen, der von Herstellern wie Ligne Roset ins 20. Jahrhundert umgemodelt wird. Dafür klingt in der einzelnen gedrechselten Stütze von Koya (Design: Marie Christine Dorner) mit Vogel-bekrönter Spitze wieder etwas von der guten alten Zeit an. Bei den Müller Möbelwerkstätten (Design: Michael Hilgers) wird er gar zum mobilen Klapp-Möbel, während sich unter der Klappe des Sekretärs PS08 der Müller Möbelfabrikation ein auf Wunsch sogar LED-beleuchtetes Cockpit zu verstecken scheint (Design: Lippert Studios).

Multifunktionalität, Flexibilität und viel Bewegungsfreiheit

Auf Multifunktionalität und Flexibilität setzt der Klassiker String mit seinem Regalsystem und einer Reihe von Solo-Tischen. Der am endlos erweiterbaren Regalsystem integrierte Klapptisch etwa lässt sicherlich nicht nur Studentenherzen höherschlagen, während der Arbeitstisch sich auf Fingerdruck zu einem Stehpult verwandelt, um dem Bewegungsdrang der Heim-Werker entgegenzukommen. Auch bei String gibt es mittlerweile eine große Auswahl an Ergänzungstools wie einhängbare Utensilos, anklippbare Arbeitsplatz-Trenner mit und ohne Bezug sowie mobile Container. Neu ist, dass der Arbeitstisch der Reihe String Works (Design: Björn Dahlström und Anna von Schewen) seit Kurzem auch in einer Home Office-tauglichen kleineren Version zu haben ist.

Überhaupt ist der heimatliche Arbeitsplatz kein in Holz, Kunststoff oder Metall gemeißelter Ort, findet etwa Designer Todd Bracher. Wenn auch die Home Office-Lösungen nicht die ergonomische Qualität erreichen können, die im Büro geboten wird (zumindest, wenn Sie keinen typischen Chef-Sessel auf Rollen in Ihrem Wohnzimmer stehen haben wollen), so kann dies durch öfteren Arbeitsplatz-Wechsel kompensiert werden, so Bracher. „Ich will ja gar nicht stundenlang an einem Tisch sitzen, wenn ich zuhause arbeite. Ich wechsele dann vielleicht mal auf die Couch, arbeite im Stehen und schreibe meine letzten E-Mails im Bett. Wir brauchen also noch mehr flexible Lösungen“, findet der New Yorker Produktdesigner, der das Design-Event „Das Haus – Interiors on Stage“ auf der nächsten imm cologne gestaltet. In seiner Interpretation der begehbaren Wohn-Vision wird einer der drei essentiellen Wohnbereiche „Nutrition“, „Rest“ und „Hygiene“ von einem großen, zentralen Tisch bestimmt, auf den alles kommt, was den Menschen „ernährt“ – sei es das Essen oder die Dinge, die er für seine geistige Ernährung benötigt.

Man darf sich also noch auf viele weitere originelle Vorschläge von Designern und Herstellern zum Home Office freuen. Die nächste Gelegenheit dazu bietet sich auf der imm cologne im Januar, auf der vielfältige Lösungen präsentiert werden – auffällige wie unauffällige. Ganz nach Geschmack.